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Die Sache mit der Zeit

Inspiriert war ich schon lange nicht mehr. Es ist, als hätte ich meine Kreativität getötet. Ab einem gewissen Punkt ist man dabei nur noch zu funktionieren und nicht mehr zu hinterfragen. Und man entzieht sich der Debatte, weil sie zu anstrengend ist. Aber ist der falsche Weg – man beginnt dabei langsam aber sicher zu verbittern.In einer komplizierten Welt, passieren komplizierte Dinge. Und es gibt dabei ein ganz offensichtliches Problem: Zeit. Alle wollen sie und niemand hat sie. Eine Sache, die ich am Leben noch nie verstanden habe, ist: je mehr man erreicht, desto weniger Zeit hat man. 

 

Ich bin im Moment an einem Punkt im Leben, der eigentlich ziemlich super ist: ich bin verheiratet, habe eine nette Wohnung (die viel zu teuer ist, aber das ist ein anderes Thema) und habe Freunde, eine gute Arbeit und ein tolles Kind, welche sich über alles liebe. Aber - ich habe keine Zeit. Und das liegt definitiv nicht daran, dass ich zuviel arbeite. Vertrauen sie mir - das tue ich nicht. Liegt es daran, dass ich soweit zur Arbeit fahren muss? Nun, das versuche ich so gut wie es geht zu vermeiden (Home Office ist eine nette Sache) und ich denke, dass ich nicht die einziger Berliner*in bin, welche eine ganze Weile zur Arbeit braucht. Seit einiger Zeit bin ich den Großteil meines Alltags damit beschäftigt, mich von selbigen zu erholen. Mein Kind ruft grad nicht nach mir? Kurz mal hinsetzen. Am Wochenende nichts weiter vor? Kurz (korrigiere – sehr lang) Mittagsschlaf machen. Also eigentlich will ich mich immer hinlegen, nur dass man öfter die Möglichkeit hat sich zu setzen. 

 

Aber sollte ich nicht vor Energie strotzen, Rezepte erfinden, Dinge basteln, im Job performen (und dies dann hier veröffentlichen?) Stattdessen hab ich einfach nie Zeit und bin auch eigentlich viel zu müde, diesen Quatsch hier zu schreiben. Aber in meinem Kopf, ist da immer diese Stimme, die sagt: sei besser. Stehe morgen zeitiger auf. Mach Sport. Koch was leckeres für deine Familie. Hab immer was frisches zu Essen im Kühlschrank. Bügel deine Blusen, damit du sie auch mal auf der Arbiet anziehen kannst. Hab auf dem Schirm, wann die nächsten Termine anstehen, überleg dir was wegen Weihnachten, sortiere die Fotos (oh mein Gott, das will ich schon seit einer Ewigkeit tun), nähe das Loch in deiner Jacke, geh auch mal an die frische Luft. Statt dessen bin ich froh wenn ich meine Ruhe habe. 

Die Sache mit der Therapie

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe mein Kind mehr als alles andere, so sehr dass es weh tut. Es ist jetzt 22:23 Uhr, das bedeutet, ich habe ihn seit circa drei Stunden nicht mehr abgeknutscht, weil er schläft und ich vermisse ihn. Aber trotzdem: ich hasse Spielplätze. Und dann denke ich wieder: warum bist du auch so eine Versagerin, hast kein Haus mit Garten, wo du einfach nur gechillt irgendwo hocken könntest, während dein Kind spielt ohne Angst zu haben, sich aus Versehen zu fixen oder vom Auto überfahren zu werden? Ich scrolle durch die Hausangebote irgendwo dort, wo man die Arbeit noch im Laufe des Tages erreichen könnte und mach schnell wieder zu. Kein Garten. Kein Haus. Nur Berlin, jeden Tag. 

 

Deswegen gehe ich jetzt zur Therapie. Also nicht wegen der Berlinsache. Sondern wegend dem ganzen Druck. Der hat mich depressiv gemacht. Was irgendwie witzig ist, weil ich ja schon bereits gar nicht so krass als Mutter performe. Ich habe manchmal das Gefühl, würde ich noch weniger machen, wäre ich eine Mutter die einfach nur faul da liegt und nichts macht und das geht ja nun wirlich nicht. Oder? Möglicherweise ist das aber nur so ein Selbstwahrnehmungsproblem. Ein motivierter Teil von mir versucht sich einzureden, dass ich mein Leben bestens im Griff habe und bereits ganz viel mache. Aber dann kommen die Performer. Die Super Eltern. Die Maschinen. Sie haben 3 Kinder, zwei Vollzeitjobs, Hobbys, sie nähen und stricken, engagieren sich, haben tonnenweise Freunde und Zeit sie auf selbst organisierte Partys einzuladen. Sie kochen täglich frisch und haben immer eine pädagogische wertvolle Meinung zu den Dingen die passieren. Sie wickeln mit Stoff und kompostieren. Sie haben ihre Kinder im Griff. Sie backen Plätzchen und haben immer noch irgendwo Energie um grade dieses, oder jenes Buch gelesen („Kennst du das, ist gut“. „Sorry, leider war ich grade zu beschäftigt, heimlich im Badezimmer zu weinen, weil ich so todeserschöpft bin, ich schau vielleicht morgen mal nach dem Buch, danke.“)

 

Meine Therapeutin ist sich sicher, dass ich eine Macke hab. Also so hat sie das nicht gesagt. Man nennt das heutzutage neurodivergent. Mein Mann sagt, endlich hat das Ding einen Namen. Also das ist so: ich weiß jetzt warum ich in Supermärkten immer komplett überfordert bin. Anscheinend schaffen es andere Menschen, einzukaufen obwohl neben ihnen grade ein Supermarktmensch etwas einräumt und super nervige Stimme 1 und super nervige Stimme 2 laut darüber diskutieren was sie noch brauchen und Omi sich von hinten randrängelt während verpeilter Typ mit Basecap nach was passenden für seinen Fressflash genau dort sucht, wo ich auch ran wollte. Hätte ich nicht meinen Mann, dann würde ich dann mit leeren Händen nach Hause kommen, DENN ICH KANN MICH UNTER DIESEN UMSTÄNDEN AUF KEINEN FALL KONZENTRIEREN. Und dann auch noch Essen einkaufen an sich. Essen einkaufen ist kompliziert. Es ist politisch. Wie soll man auch wissen, was man kaufen darf, ohne dabei den Planeten umzubringen? Bio, nicht von zu weit weg, etwas was möglichst nicht unschuldige Menschen irgendwo in der Ferne ganz doll unter Druck gesetzt hat damit ich es jetzt kaufen kann, ohne Plastikverpackung und irgendwie mit glücklichen Tieren und Pflanzen, bestensfalls total gesund aber irgenwie auch einigermaßen essbar? Nun ich hab das mal meiner Therapeutin erklärt und sie hat ziemlich mitleidig geguckt. So schlimm sei das wohl doch nicht. Und ich hab das jetzt auch beschlossen. Deswegen kauf ich neuerdings auch einfach irgendwas was mir (hoffentlich ) schmeckt und das klappt ganz gut. Der Planet ist eh nicht zu retten (ein kleiner Teil meiner Seele stirbt wieder, weil ich eigentlich nicht so zynisch sein will).

 

Nun ja, vielleicht hätte ich meiner Therapeutin lieber nicht erzählen sollen, dass ich mich in der Regel nicht traue an Türen zu klopfen, weil nicht weiß ob das zu laut oder leise ist, oder ob ich jemanden stören könnte, und dass ich vor Terminen manchmal mehere Runden drehe bis ich mich traue hineinzugehen, weil ich nicht weiß was ich beim reingehen sagen soll. Ich glaube das hat ihr zu denken gegeben und mein Antrag zur Langzeittherapie ist jetzt genehmigt. 

Ist noch das ganz normale Chaos oder schon ADHS

Ich lege mir oft Gespräche und Antworten im Kopf zurecht und kann nicht mit Spontanität umgehen. Ich höre Geräusche, die andere nicht hören und rieche Sachen die andere nicht riechen (nicht gut in Berlin). Ich bin immer chaotisch aber habe gleichzeitig einen großen Drang dieses Chaos zu kontrollieren. Also es ist wie als würde mein Autismus mein ADHS bezwingen wollen. 

 

Und es nicht nur das. Ich bin eigentlich meistens gestresst. Mit Kind ist das so eine Sache. Bis jetzt hab ich meinen Autismus wohl ziemlich gut überspielt. Offensichtlich. Denn ich wusste ja nichts davon. Aber Kochen, wenn das Kind schreit und der Mann wieder was zu meckern hat (er nennt es gut gemeinte Hinweise) – das ist mein D-Day. Und Spielplätze. Mein kleines Tor zur Hölle. Vor allen anderen dem Kind hinterherennen, irgendwo hochklettern, rufen, präsent sein – das hab ich nach dem Sportuntericht tunlichst vermieden. Ich muss dazusagen: ich habe mich daran gewöhnt. Denn ich bin wohl in der Lage mich an für mich sehr unbequeme Situationen im Laufe der Zeit anzupassen. Aber wenn ich nach Hause komme und auf dem Spielplatz sich die Stimmen der Mütter mit dem Stimmen der kreischenden Kleinkinder vermischen, und mein Mann versucht ein normales Gespräch mit mir zu führen, da quietscht es bei mir schon ziemlich mächtig im Getriebe. Da will ich fliehen, aber ich will eigentlich doch nicht fliehen, weil ich Zeit mit meinem Kind verbringen will. Dann setze ich mich in den Sandkasten und spiele mit dem Sand, und tagträume mich in den unbezahlbaren Garten oder ans Meer. So geht das schon. Mir geht’s gut. Wäre da nur nicht nur die Sache mit dem Akku. Denn der ist bei mir schneller leer. Offensichtlich. Man soll sich zwar nicht vergleichen, aber nun – offensichtlich. Also brauche ich mehr Pausen. Aber die habe ich nicht. Oder? Also habe ich ein Problem - oder?