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Von Kürbissuppe und Ostergras

Heute waren wir im Park unterwegs. Wir wollten dort Mittag essen. Das haben wir auch. Wir waren Punkt 12 Uhr dort, als der Laden öffnete. Es war eine kleine Hütte mit Selbstbedienung. Trotzdem schweineteuer, Berlin halt. Kind und Mann waren noch ein bisschen weiter weg und ich fragte den Typ was es denn für eine Tagessuppe sei, die dort angepriesen wurde. Er sagte einen Laut, den ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. Nach einigen weiteren Kommunikationsversuchen kam heraus: gemeint war Kürbissuppe. Ich fragte meinen Mann, ob wir die nehmen wollen. Daraufhin entstand ein Dialog bei dem wir in Reinform aneinander vorbeiredeten,  wir beide dezent aggressiv und genervt reagierten und das Ganze schließlich mit einer nicht zufriedenen stellenden Entscheidung (hinter uns entstand während des Streits eine Schlange) endete – wir bestellten lediglich eine Suppe und einen Glühwein. Wir konnten aber unser Missverständnis auf eine recht schnelle Art und Weise aus der Welt schaffen. In einem Anflug von Romantik und Motivation (ich umarmte ihn und fragte ob er mehr Glühwein wolle, er sagte der sei zu teuer, das würde er aus Prinzip nicht wollen, ich sagte, dass ich ihn einlade) stellte ich mich in die weiterhin vorhandene, aber eigentlich nicht zu lange Schlange um meiner Familie noch Nachschlag zu holen. Ich war zuversichtlich und naiv – man muss dazu sagen das bin ich eigentlich nicht oft. Normalerweise hätte ich gesagt, da stelle ich mich nicht an, ich bin doch nicht bescheurt. Diese bekloppten Berliner die sich da anstellen. Und so weiter. Aber wie gesagt: Zuversicht leitete mich. Es stellt sich heraus: Zuversicht is a Bitch. In Berlin ist man eben mit depressiven Zynismus, bei dem man erst gar nichts versucht, besser beraten. 

Stehst du noch oder wohnst du schon?

Es dauerte also ewig. Der Typ an der Bestellaufnahme brauchte gefühlt zwanzig Tiktok- Aufmerksamkeitsspannnenzeiträume um zu verstehen, was die Gruppe, die eigentlich schon dran war, als ich zur Schlange ging, haben wollte. Weitere Zehn, um das Zeug fertig zu machen. Es war eine  Qual – aber wie das nunmal so ist mit Schlangen: irgendwann steht man so lange drin, dass man nicht mehr aufgeben möchte. Weil dann ist man einmal hier und man wollte sich ja auch noch was Schönes holen. Mein Kind begann schon nach mir zu rufen. Mein Mann grinste mich an. Ich rief ihn an (durch den ganzen Park schreien ist mir peinlich und ich finde das sollte es auch). Er sagte mir motivierende Worte um in der Schlange zu bleiben (sowas wie, hättest halt gleich vorhin mehr bestellen sollen). Irgendwann (TikTok ist durchgespielt) bin ich endlich dran. Ich sagte meine Bestellung auf: „Nochmal die Tagessuppe, eine Pizza, einen Glühwein, einen Kuchen, einen Latte“ – ja ich hatte zuviel Zeit um meine Wünsche zu erweitern. Der Typ reagierte erst gar nicht, nur um dann schläfrig zu wiederholen: „Also eine Tagessuppe…“ und desorientiert etwas auf seinem Bildschirm zu suchen. Künstliche Pause. An der Stelle muss man sagen, bei sowas bin ich typisch deutsch. Sonst bin ich ja schon manchmal witziger als der Durchschnittsdeutsche und kann auch besser tanzen, aber in solchen Situationen bin ich durch und durch Alman. Heißt konkret: ich war zu dem Zeitpunkt schon zu tausendprozent aggro. Trotzdem versuchte ich ruhig zu bleiben, weil ich bin ja eigentlich höflich und gut erzogen.

 

Nach einigen vielen Wiederholungen meiner Wünsche, Stoßgebeten und unauffälligen Achtsamkeitsatemübungen hat Typ schließlich meine Bestellung aufgenommen. Ich zückte mein Handy (Bargeld ist was für Rentner, habe ich nie). Vor mir lag das Kartenlesegerät ja auch schon in Position und ich wartete darauf, dass Typ sagt „Bitte“ um mein Handy ranzuhalten, wie man das eben so macht. Da schaute er mich an und sagte in der Selbstverständlichkeit eines Nachrichtensprechers: „Zur Zeit geht nur Bargeld“. Er entschuldigte sich nicht und schien sich auch kein bisschen dafür zu schämen, dass das Lesegerät vor meiner Nase lag. Ein Teil von mir wollte das Handy trotzdem ranhalten weil meine autistischen Prozente, manchmal nicht so schnell auf neue Situationen reagieren können. Aber da meldete sich plötzlich die Aggro-Berlinern in mir, die auf Achtsamkeitsatmungsübungen scheißt und dafür sorgte, dass ich Typ in größtmöglicher Zickenmanier anblaffte, warum zum Teufel er das dann nicht irgendwo vorne ranschreibt. Die gute Nachricht ist: es stand offensichtlich wirklich nicht irgendwo dran. Sonst wäre es jetzt peinlich geworden. Nein, das ist nicht die Pointe. Zugegeben, es gibt eigentlich keine Pointe – mein Mann hatte Cash dabei und hat sich zunächst selbst eingeladen. Es sei aber die Antwort nicht zu vergessen, die Typ alá „Bleibt immer cool, egal was man ihm an den Kopf wirft“ mir, auf meinen Hinweis das Ganze irgendwo ranschreiben seelenruhig geantwortet hat: "Ja. Das ist schon in Arbeit.“  Ein Zettel. Mit zwei Wörtern drauf. In Arbeit. Meine innere Zicke kannte kein Halten mehr („Hier gehe ich nie wieder hin, die sind zu dumm für einen einfachen Zettel und so weiter“) Der Latte war übrigens kalt. Der Rest hat aber ok geschmeckt. Immerhin. 

Wenn Gras über die Sache wächst

Heute Abend wollte ich dann mal in Ruhe kochen. Sonst will das Kind immer zugucken. Aber ich weiß auch nicht, es gibt diese Tage, an denen ich das Gefühl habe, ich kann es nicht gut händeln mein Kleinkind auf der minikleinen Küchenablage sitzen zu haben, zwei Millimeter neben dem Messer und knapp neben dem heißen Herd. Ich weiß, ich stelle mich ganz schön an, aber ins Krankenhaus weil Finger ab oder auf Herd gefasst, braucht man halt auch nicht unbedingt, also muss ich mir sicher sein, dass ich alles unter Kontrolle habe und sehr schnelle Reflexe möglich sind. Und das hab ich halt nicht jeden Tag. Ich bin eben nicht perfekt und so. Also dachte ich, ich könnte das Kind ja mal dazu animieren, alleine im Zimmer zu spielen. Soll ja Kinder geben die sowas tun. Ich habe ihn zunächst begleitet und eine Spielwelt aufgebaut (Bauernhofszenario) Es hat auch einigermaßen gut funktioniert denn er hat angefangen alleine zu spielen und ich konnte in der Küche was machen. Irgendein Teil von mir, den ich mittlerweile nicht mehr verstehe und den ich gerne windelweich prügeln möchte, dachte sich aber, das Kind braucht doch Heu zum Bauernhof spielen. Und dieser Teil ist also losgegangen und hat Ostergras geholt. Kein Scherz. Ich ging also los und hole dieses schreckliche grüne Gras, was ich immer zu Ostern geschenkt bekomme und aufhebe um es den Leuten aus Rache wieder in ihre Ostergeschenke zu stopfen. Ich gab es ihm, in dem ich auf seinen Hochflorspieltteppich legte. Spätestens jetzt hätte man mich ja eigentlich der Mutterolle entbinden müssen.

 

Irgendwann – wir haben dann schon gegessen, war lecker - kam das Kind dann über und über mit grünen Papiergrasdingern überzogen zu uns ins Wohnzimmer. Mein Mann fragte gedehnt „Was hast du denn da an der Hose??“ (Sidenote für diejenigen die es noch nicht wissen: mein Mann ist Team „Haare sofort vom Boden aufsammeln, wenn man sie sieht“. Seine Toleranzschwelle von „Dinge auf Boden oder an Kind, die da nicht hingehören“ ist quasi nicht vorhanden.) Glücklicherweise war er grad ziemlich entspannt. Und ich war es bis dahin auch noch - denn ich hatte die Tragweite meiner Missetat noch nicht erfasst. Ich stand also seelenruhig auf und schnappte mir den Staubsauger. Die Ursprungsfarbe des Teppichs war nicht mehr zu erkennen, der Teppich war zur Wiese geworden. Ich stellte den Sauger an, um dann festzustellen: das verdammte Zeug geht einfach nicht aus dem Teppich raus. Nicht durch saugen, nicht durch klopfen, schütteln oder anschreien. Wärt ihr dabei gewesen hättet ihr mich gesehen, wie ich, wähend diese Erkenntnis zu meinem schon leicht müden Hirn durchsickerte, auf dem Teppich sitzend den Staubsauger umklammerte und ins Leere starrte. Dabei nippte ich an meinem Glühwein, den mir mein Mann freundlicherweise noch kurz vorher gemacht hatte. Ich atmete. Ein und aus. Stellte dann die Tasse ab. Und fing an, jedes einzelne Gras aus dem Teppich zu zupfen. Zwanzig Minuten später konnte man dann schließlich - zumindest wenn von Weiten guckt - behaupten, dass ich alle Gräser entfernt habe. Es war tatsächlich ein wenig meditativ, mit viel guten Willen. Ich erklärte dem Kind, dass wir in Zukunft etwas anderes für das Heu verwenden müssten. Er nickte verständnisvoll und hat mir sogar beim abzupfen geholfen. Zwar habe ich dieses dunkle Gefühl, dass er dabei mehr von dem Teufelszeug in der Wohnung verteilt hat, aber diese Ahnung ignorieren wir jetzt einfach mal, weil Mama ist auch nur ein Mensch.