Ob man lachen oder weinen soll, fragst du. Das weiß doch heutzutage keiner mehr. Pass auf - ich erkläre dir wie das geht. Ich bin zwar nur eine Frau, aber das macht ja nichts. Ich zeig dir wo es lang geht, und sag dir dabei wie lieb ich dich hab, um dich mit meinen Gefühlen zu irritieren und zu viel für dich zu sein. Damit wir uns pünktlich hassen können. Wie man das eben so macht.
Ich mach mich nicht jeden Tag hübsch, nur jeden zweiten. Ich schaue regelmäßig in den Spiegel. Man könnte ja was zwischen den Zähnen haben, man muss ja vielleicht was zurechtrücken, grade biegen, dahin zurück packen wo es hingehört und wenn es nur das bisschen Würde ist, was mir noch bleibt. Nach dir.
„Das Glas muss immer voll sein, sonst ist alles verloren“, sagt die Brünette keck und schmeißt neckisch ihr Haar nach hinten. Ihre Haare sind nicht lang. Sie werden mit einer unwirschen Bewegung wild nach oben gebunden. Wer braucht schon Haare im Gesicht. Die stören. Bei der Arbeit und Arbeit ist wichtig, man muss ja schließlich Miete bezahlen, Abos haben, teuer riechen, von der Arbeit erzählen und immer hübsch an allem teilnehmen. Am berühmt berüchtigten Ritt durch das Hamsterrad.
Natürlich fliegen wir regelmäßig raus aus dem Ding. Der einer früher, der andere später und dann liegen wir in einer verstaubten, einsamen Ecke und atmen flach. Lassen uns langsam und schmerzhaft wieder zu sowas ähnlichem wie ein Mensch zusammentherapieren. Warten bis uns was besseres einfällt. Nur um dann wieder genau das Gleiche zu tun. Aber immerhin, wir denken jetzt besser über diese Dinge nach und sind brav achtsam. Das ist wichtig. Achtsam arbeiten, achtsam essen, achtsam ficken.
Sag mal, wusstest du eigentlich schon, dass ich auch ein Herz habe? Ich weiß, das sieht man nicht. Man kann es in meinen Spiegelselfies nicht sehen. Darf man halt nicht immer nur Arsch und Titten zeigen. Darf man halt nicht erwarten, dass man mich schätzt. Wenn ich es selbst nicht tue. Dazu muss man schon Rollkragenpulli tragen, eins geht nur, das müssen Frauen auch endlich mal verstehen.
So ist es eben, sagt sie keck, bindet sich ihre Haare nochmal neu nach oben und schiebt ihre Brille zurecht. Es ist nicht schlimm, eine autistische Ostdeutsche mit geringem Selbstwertgefühl zu sein, es gibt Schlimmeres, immerhin steht sie nicht mit falschen Leuten auf falschen Hügeln. Zweiter Bildungsweg, während des Studiums aus Versehen und vor lauter Aufregung vergessen zu essen, direkt nach der Masterarbeit zusammengebrochen, sich den Zusammenbruch aber nicht leisten können, weil zu pleite und zu stolz, kann ja mal passieren. Es tut nur ein bisschen weh, und immerhin passt sie gut in den Male Gaze. Das kann sie sich dann einrahmen, das hilft zwar nix, aber man kann es sich einreden bis man 45 ist. Sie setzt sich auf ihren hübschen Arsch und hält lieber mal die Klappe.
Vielleicht kann man ja da hinten abbiegen und über einen Graben springen und vielleicht sind da diese Dinge, die eben dann passieren, wenn man plötzlich dieses sogenannte erfüllte Leben hat, in dem man abends nur da sitzt und denkt: schon ok. Und in dem morgens aufwacht und denkt, wird schon. Oder bleibt es jetzt für immer so? Bin ich immer zuviel oder zuwenig und nie die Person, die tief in mir wohnt?
Du schaust mich fragend an. Hattest dir was anders erhofft. Ein bisschen oben liegen. Ein bisschen abarbeiten und dann wieder nach Hause gehen. Das wäre doch perfekt, wenn es nicht so falsch wäre, so absolut unrichtig, dazu habe ich zu hart gearbeitet, dafür lohnt es sich nicht auszuziehen, mein Körper ist kein Ausbildungszentrum, meine Seele kein Abenteuerspielplatz. Du nickst noch ein bisschen verständnisvoll. Packst deine Hand ungeschickt auf eins meiner Körperteile. In der Hoffnung damit die wilden weiblichen Geister zu beruhigen.
Sie öffnet ihre Haare und steht auf. Kramt in ihrer Schublade. Jene Schublade, in der jede Frau weiß, hier kann man Antworten finden. Greift am Messer vorbei, atmet nochmal tief durch, dreht sich um und lässt genüsslich ihren Daumen über den Anzünder des Feuerzeugs gleiten, steckt sich die Tüte zwischen die Mundwinkel. Diese herrliche Ruhe. Diese herrliche Zufriedenheit, wenn man es geschafft hat, für sich selbst einzustehen.
Ich sage dir, es ist noch nicht zu spät, und du lächelst höflich und ziehst dich zurück, tust das was jeder Mann am besten kann, du gehst, du fliehst und blickst nie wieder zurück und ich schwöre mir selbst Frieden, ich breche routiniert zusammen, ich weine und lache und höre Musik und bringe den Rauch zu den wilden Geistern, weil das höflich ist, weil man das so macht. Weil man sich mit den Geistern gutstellen muss.
