Es ist wieder soweit. Ein neues Jahr beginnt. Es ist Tradition, ein Jahresende zu zelebrieren, sein Jahr zu reflektieren, zu überlegen was man erreicht und erlebt hat und Dankbarkeit zu üben. Dabei bewegen wir uns stets auf einem schmalen Grad zwischen Achtsamkeit und Optimierungswahn. Denn sein wir doch mal ehrlich: manchmal fühlt sich ein Jahr einfach nicht so gut an. Vielleicht hat man auch schon seit mehreren Jahren das Gefühl, dass etwas nicht richtig läuft oder ein traumatisches Erlebnis gehabt. Oder man erinnert sich schmerzhaft an den Verlust eines geliebten Menschen, der nun an Weihnachten nicht mehr dabei sein kann. Die von allen Seiten gepriesene Besinnlichkeit kann verdammt anstrengend sein, wenn das Leben im eigenen Inneren sich eher wie das nackte Grauen anfühlt.
Generell bin ich zwar sehr dafür, sich regelmäßig zurückzunehmen und darüber nachzudenken ob die Richtung in die man läuft grade noch die richtige ist. Eigentlich bin ich sogar ein sehr verkopfter Mensch und denke sehr viel - zu viel über mich selbst und mein Leben nach. Und ich brauche auch diese Momente der Ruhe und des Sortierens. Gleichzeitig mag ich eigentlich auch die Weihnachtszeit sehr, da ich aus einer sehr liebevollen Familien komme, wo Weihnachten mit viel Hingabe gelebt wird und ich das Schmücken, Kerzen anzünden und all die gemütlichen Traditionen sehr schätze.
Dennoch: es ist Stress. Denn mittlerweile bin ich Arbeitnehmerin, Mutter und Ehefrau und ich kann nur sagen, dass Advent und Weihnachten vieles ist, aber definitiv nicht die Zeit in der man nur ansatzweise zur Ruhe kommt. Im Gegenteil, es ist doch eigentlich eine super turbulente, stressige Zeit mit vielen Terminen und Verpflichtungen. Man möchte Weihnachtsmärkte besuchen, die Wohnung schmücken, muss sich mit der Familie zum Fest organisieren, Geschenke einkaufen, man möchte mit seinem Kind etwas passendes zum Advent unternehmen, man muss den Adventskalender bestücken, die Adventskranz besorgen, die Wohnung umräumen (damit der ganze Kram auch reinpasst) den Baum aufstellen und wenige Tage später wieder abbauen, die Geschenke die man verschenken will irgendwo verstecken und dann die Geschenke die man bekommen hat irgendwo unterbringen. Man erinnert sich an seine eigene Kindheit, denkt über die eigene Vergänglichkeit nach, man ist viel unterwegs, und gleichzeitig gibt es eine bestimmte Erwartungshaltung das das Ganze doch gefälligst schön harmonisch abzulaufen hat. Dabei haben Kind, Arbeitgeber, Ehemann, eigene Eltern, und auch andere Familienmitglieder eine gewisse Erwartung, die sich bei mir in meinem Leben so stark verankert haben, dass es schwer ist neue Grenzen zu setzen. Denn besonders bei Menschen, die einen schon lange kennen, kann das Konfliktpotenzial mit sich bringen.
Die Kunst des bei sich Seins
Dieses Jahr war das Weihnachten, indem ich das erste Mal nicht mehr depressiv war und meine zweijährige Therapie ihre Früchte trug: ich schaffte es tatsächlich in meiner eigenen Harmonie zu bleiben und auf das zu hören, was ich wirklich möchte und nicht auf das, was andere von mir erwarten. Das ist für mich ein enormer Meilenstein. Die Kunst das Abgrenzens ist keine einfache Angelegenheit und ich denke, dass ich nicht nur wegen des Wetters eine Tage vor Weihnachten mit Migräne im Bett lag und am Heiligabendvormittag mich kurz weinend im Bad einschließen musste, weil ich das Gefühl hatte, dass mich die kommenden Tage voller Präsenzpflicht zu sehr stressen. Aber diese irgendwie auch bewusst gelenkten Gefühle waren gut platziert - ich war vorbereitet und es war dann ein wirklich schönes Fest.
Auch Silvester ist eine emotional herausfordernde Veranstaltung für mich. Ich kann mich nur schwer von diesem Tag abgrenzen, möchte ihn irgendwie angemessen zelebrieren. Dennoch war ich dieses Jahr einfach nur müde, wollte Ruhe und schlafen. Ich musste mich ein bisschen schupsen und beschloss den melancholischen Gedanken zu entfliehen und den Wohnzimmerteppich zur Tanzfläche zu machen.
Zum neuen Jahr hat mich der Neujahresantrieb in Beschlag genommen. Ich hatte das drängende Gefühl, ich muss sämtliche Jahresplanungen, Reflexionsmethoden und Recherchearbeiten auf einen Schlag erledigen, Geldanlagen, Urlaubsplanung, Weihnachtskram abbauen, aufräumen, Fotos sortieren, alte Sachen aussortieren. Ein einziger Hyperfokuswahnsinn, es gab kein Entkommen.
Also nein, falls mich jemand fragt - ich bin nicht erholt. Ich bin stolz und dankbar, dass ich diese Zeit ohne depressive Gedanken und mit der Fähigkeit meine Bedürfnisse zu benennen und mich klar von nicht erfüllbaren Erwartungen abzugrenzen, erleben konnte - aber dennoch: das war ein Kraftakt. Weihnachten ist eine schöne und eine wichtige Zeit eine Zeit die dazu gehört - aber definitiv keine erholsame Zeit.
